Tag der Stimme: Fragen wir heute doch mal unsere Stimme, wie sie Videotelefonie findet

Aktuell ist die Stimme besonders gefragt. Homeoffice, Hometeaching, Teletherapien, Videocalls mit 30 Personen sind keine Seltenheit. Es wird gezoomt, geskyped, gefacetimed usw. Die Technik macht´s möglich, trotz Lockdown weiterhin miteinander zu kommunizieren. Alle sind begeistert, dass das klappt. Wow, wie toll, wir meistern die Krise! Schön, sich mal wieder gesehen zu haben!

Tag der Stimme in Coronazeiten

Stimme erfühlen

Bei genauem Hinsehen und vor allem beim in sich Hineinfühlen nach einer solchen Session bleibt bei vielen ein Gefühl der Anstrengung zurück. Jetzt erst mal ausruhen. Luft ablassen. Puuuh! Halsschmerzen, Engegefühl und eine heisere, dumpfe, belegte Stimme im Nachhinein sind keine Seltenheit. Was ist denn eigentlich so anstrengend daran? Die Technik, ok, da gibt es oft Schwierigkeiten. Die Bilder frieren ein, der Ton ist nicht synchron, plötzlich ist jemand weg. Huch, wo ist denn die Petra, gerade war sie doch noch da. Hörst du uns noch? Ah gut, nur das Bild weg. Bei dir ist ne Baustelle im Haus? Ja, der Nachbar hat Kurzarbeit und renoviert seine Bude. Schade, ist etwas laut. Ja, ich stell mal mein Mikro aus. Ok. Jetzt ist besser. (Aber jetzt kann ich auch nichts mehr spontan einwerfen… gut so).

Kommunikation totale

Aber irgendwie total anders. Auf höchstem Niveau muss erraten werden, was in Präsenzgesprächen unbewusst abgecheckt und reguliert wird. Hat der das ironisch gemeint? Kann ich nicht richtig einschätzen. Unmittelbares Feedback fehlt. Hören die mich überhaupt? Haben die mich verstanden? War das ein Nicken? Habe ich nicht genau erkennen können. Die sind alle so klein. Oh, heute ist die Verbindung ganz schlecht. Soll ich nachfragen oder nicht? Und wie geht es der? Warum spricht sie so leise heute? Hat sie was? Oder ist das die Verbindung? Warum sitzt der heute so eingesunken, was ist los?

Nonkommunikative Signale sind kaum zu erkennen, lediglich zu erraten, aber um das zu kapieren bräuchte man mehr Zeit. Die hat man aber nicht, weil es anderswo schon wieder flackert oder rauscht. Also viel mehr Raum für Interpretationen, Missverständnisse, viel Unsicherheit im kommunikativen Kontakt, die sich auch in Verhaltenheit und Vorsicht äußern kann.

Stimme braucht Schulung

Die Stimme tut bei all dem, was sie kann! Sie versucht sich auf diese inkongruenten Informationen einzustellen und angemessen zu reagieren. Wir entscheiden meist nicht bewusst, wie wir sie einsetzen, sind mehr mit den Inhalten unserer Rede beschäftigt. Unsere Stimme ist ein flexibel reagibles Organ, das bestenfalls selbstorganisiert arbeitet. Mit diesen neuen Anforderungen hat die Stimme vieler Menschen (noch) keine Erfahrung. Irgendwie funktioniert der bisherige Stimmeinsatz nicht wie gewohnt. Die Stimme reagiert daher mit Stress. Sie wird lauter, fester, gedrückt: Chaos, Irritation, bis zu Trockenheit, Schmerz und Heiserkeit sind die Folgen.

Auch wenn wir die Technik graduell optimieren, wird es erst mal nicht besser. Die Konditionen der Videosessions lassen sich nicht grundsätzlich ändern. Hier gelten neue Gesetze. Und es lohnt sich diese zu benennen, zu kennen und der Stimme zu helfen diese im Hinblick auf einen spezifischeren Einsatz zu erlernen.

1. Aufgrund der technischen Mittelbarkeit des Kontaktes beim Sprechen meint die Stimme, sie müsse lauter werden.

Die Adressaten sind weit weg sind, deren Kamerabilder je nach Anzahl der teilnehmenden Personen sehr klein und der technische Kanal ist voller unplanbarer Störgeräusche. Dagegen versuchen wir mit Lautstärke anzugehen, um die Unwägbarkeiten auszugleichen. Weil wir aber in unseren privaten Räumen sitzen, ist die derart erzeugte Lautstärke nicht kongruent zur Sprechsituation. Es resultiert eine gedämpfte Stimmgebung. Die Lautheit ist nicht frei und kraftvoll, sondern verhalten, unterdrückt, überdruckorientiert. Die Klangvorstellung unserer Stimmgebung ist irritiert. Was jetzt? Laut oder nicht laut? Dies Unstimmigkeit ist der Hauptgrund für die Anstrengung, die sich als Druck und Anspannung im Kehlkopf, im Hals, Kiefer bemerkbar macht.

2. Das Mundbild bei der Artikulation ist aufgrund der zweidimensionalen Bildqualität schlecht zu sehen.

Daher ist die Verständlichkeit schlechter. Wenn häufiger nachgefragt wird, erhöht dies den Stress für die Stimme und die Anstrengung (s. 1.) kann sich verstärken.

3. Interpretationsspielraum, kommunikative Inkongruenz führen zu Unsicherheit, die sich in der Stimme widerspiegelt.

Die Stimme reagiert unmittelbar auf unsere Stimmungen. Sowohl eine unsichere Stimmung als auch eine daraus resultierende zurückgenommene, vorsichtige Stimme kann Anstrengungsgefühle verursachen.

4. Je nach Arbeitsplatz im Homeoffice könnte die Sitzhaltung für lange Gespräche unangemessen sein.

Zuhause haben wir vielleicht nicht so einen guten Stuhl wie im Büro. Auch darauf sollte geachtet werden!

5. Beim Videochat sehen wir uns selber auch.

Ein Teil der Wahrnehmung, die unter anderen Bedingungen nur mit unserem inneren Selbstbild beschäftigt wäre, geht nun in die Außenwahrnehmung unserer Erscheinung auf dem Bildschirm. Auch dies kann Irritationen auslösen, da wir bei Unsicherheit oder Unzufriedenheit mit unserem gespiegelten Konterfei korrigierend eingreifen und damit die Selbstorganisation der Stimmgebung stören. Dieser Aspekt könnte auch eine positive Wirkung haben, wenn wir uns selbst, von außen betrachtet, überraschend toll finden.

Anregungen für die Stimmarbeit

Mit ersten kleinen Achtsamkeiten und Übungen können wir unserer Stimme mehr Leichtigkeit und Selbstverständnis im Videochat geben.

1. Beginnen wir mit der Selbstwahrnehmung für das laute Schieben der Stimme. Spüre ich, wann ich lauter werde, wann die Stimme in den Überdruck geht?

2. Auch während der Session Kontakt mit der Stimme aufnehmen.

3. Separates Üben, regelmäßig und im Vorfeld:

(a) Aktivieren des Unterdrucks: Sogübung*, Stimme nicht herausschieben, sondern bei mir lassen (auch zur Sicherung der eigenen Integrität).

(b) Funktionale Stimmkräftigung für mehr Belastbarkeit: Gorilla*, Indianer*.

(c) Training der Lautstärkeregulation: Crescendo*.

(d) Flexibilisierung der Modulationsfähigkeit: Glissandoübungen*.

4. Arbeit an klangorientierter Artikulation verbessert die Verständlichkeit und reduziert damit die Irritation und den Stress für die Stimme.

5. Vor der Session Körper ausschütteln, Kiefer lockern, Kehlkopf ausstreichen.

6. Während der Session Haltung lockern und aufrichten.

7. Vorher über sicheres Hintergrundbild, Kleidung nachdenken, damit das Selbstbild auf dem Bildschirm stimmig ist.

(*) Die mit einem Sternchen markierten Übungen sind unserem Buch „Starke Stimme – Stark im Job“ entnommen. Videobeispiele zu den Übungen finden sich in der eBook-Version, die man zusammen mit dem Buch oder auch separat erhält.

Eine Vielzahl dieser neuen Errungenschaften der Technik im Job werden bleiben. Und das ist auch gut so! Sie erleichtern die Arbeitsabläufe. Es wird mehr Homeoffice geben, was weniger Fahrzeit, -kosten und Emissionen in der Luft bedeuten kann.

Die Arbeit an der (Video) Stimme lohnt sich also!

Wenn Sie Interesse an einem individuellen Coaching haben, finden Sie hier weitere Informationen.

Wir wünschen Ihnen einen schönen Tag der Stimme 2020!