Sang- und klanglos, Liebes- Aus

Über Rusalka, Oper von Antonín Dvořák in der Kölner Oper.

Nicht über die gute psychodelisch anmutende Inszenierung, nicht über die Qualität der Stimmen und die für die Sänger sicherlich schwierig, metallisch-hart, spröde Akustik im Staatenhaus soll es hier gehen. Nein, mich interessiert das Thema der Oper: Wie gewagt von Dvořák, aus diesem Sirenenstoff eine Oper zu machen, in dem  die Sirene alias Rusalka ihre Stimme geben muss, um Mensch zu werden.

Verschiedenste Namen bekam sie, die unheimliche, aber faszinierende Frau aus dem Wasser, Undine, Melusine, Nixe, Mermaid… oder Rusalka. Immer ist sie ein Produkt (männlicher) Angst vor dem Fremden. Die tiefe See hat schon so manchen verschlungen. Wasser ist das finsterste  der Elemente. Warum dort nicht ein Wesen vermuten, das alle Angst vor dem Fremden in sich vereint?

Nun aber zurück zu Dvořák. Rusalka will raus aus der Wasser-, rein in die Menschenwelt. Sie will zu ihrem Prinzen. Sie kann aber nur Mensch werden, wenn sie ihre Stimme gibt. Die Hexe Jezibaba verlangt es. Vorher singt sie noch ihre Arie „An den Mond“ und man spürt, sie ist tatsächlich eine Sirene! Aber eine Sirene, die ihre Stimme abgibt? Was bleibt von ihr? Ist dies der Preis für die Liebe? Nach dem Zauber gibt es unweigerlich lange Passagen in der Oper, wo die Heldin schweigt.

Rusalka im Staatenhaus
Rusalka im Staatenhaus

Welch ein Stoff! In der zentralen Passage, in denen sie mit dem Prinzen vereint ist, sich die baldige Hochzeit ankündigt, ringen sie umeinander und um die Liebe. Kein Gesang, nur Musik. Unheilvoll schleicht sich Verzweiflung ein, beim Prinzen, weil Rusalka nicht spricht und er zunehmend verunsichert ist. Bei Rusalka, weil sie spürt, er entfernt sich und hält bereits Ausschau nach Alternativen. Das Schweigen macht aus ihr ein Wesen aus einem  anderen Stoff. Sie kann sich nicht ausdrücken und ohne ihre Stimme spürt er sie nicht. Am Ende geht es natürlich nicht gut aus.

Rusalka wird die Stimme genommen um zu lieben, aber ohne Stimme kann Sie ihren Liebsten nicht halten. Welch ein (Liebes)Paradox!

Enttäuscht lässt sich der Prinz von der Stimme einer anderen umgarnen. Und Rusalka schweigt. Dvořák schenkt ihr eine der schönsten Arien der Opernwelt. Leitmotivisch läßt das Orchester sie immer wieder aus dem Klangteppich der Oper herauswogen. Könnte sie diese Arie nun singen, würde sie den Prinzen auf der Stelle für sich gewinnen, aber sie kann nicht. Erst zum Schluß der Oper, als sie bereits den Schwur revidiert hat, singt sie wieder. Doch die Liebe ist tot.

Stimme als Integritätspfand

Wenn wir lieben, sollte niemand von uns verlangen unsere Stimme als Pfand zu geben.

Nimmt man die Stimme in der Oper „Rusalka“ als Symbol für die Integrität des Liebenden so beginnt eine wilde Interpretationsjagd. An der Spitze die Frage, ob Liebende die eigene Integrität aufs Spiel setzen. Gefolgt von der nächsten: Kann man nur wiedergeliebt werden,  wenn die eigene Stimme/Integrität  die Liebe auch ausdrücken kann? Bis zum finalen Überholmanöver: Kann sich die Sehnsucht nach gegenseitiger Liebe überhaupt erfüllen, langfristig Bestand haben, ober bleibt es eine Bitte an den Mond?

Auf die Bedeutung der Stimme für die Integrität des Menschen sind wir in “Starke Stimme – Stark im Job”, Kapitel 6, näher eingegangen.

 

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